Schönheitsoperationen in Südkorea

„Jeder außer du hat es bereits getan“ – Slogans wie dieser strahlen auf unzähligen Hochglanz-Werbeplakaten in den U-Bahnhöfen Seouls. Die meisten Werbebanner zeigen Bilder junger Koreanerinnen, die dem koreanischen Schönheitsideal entsprechen: Eine glatte, helle Haut, eine hohe Nase und eine ausgeprägte Augenlidfalte.

Südkorea – im Land der vielen Schönheits-OPs

U-Bahnstation Abugegong Station in Seoul mit Werbeanzeigen für Schönheitsoperationen
Eine ganz Wand voll mit Werbeanzeigen für Schönheitsoperationen in der Abugegong Station in Seoul

Viele U-Bahnhöfe in Seoul sowie Straßen, wie etwa im bekannten Nobelviertel Gangnam, sind voll von den Anzeigen. Gangnam, ein südliches Viertel der koreanischen Hauptstadt Seoul, ist vielen noch aus dem internationel Hit „Gangnam Style“ des Sängers Psy bekannt.

Südkorea gilt nicht umsonst als das Land der Schönheitsoperationen – im Jahr 2014 wurden in Südkorea ungefähr 980,000 Schönheits-OPs durchgeführt. Diese entspricht knapp einem Viertel aller weltweit stattgefunden Schönheitsoperationen. Zum Vergleich: In Deutschland werde pro Jahr ungefähr 40,000 Schönheits-OPs vorgenommen. Diese weite Verbreitung hat zur Folge, dass Korea das Land mit den meisten Beauty-OPs pro Person ist. Häufig wird dies bezüglich auch von einem „Schönheitswahn in Südkorea“ gesprochen.

In Deutschland gelten Eingriffe, die lediglich der Ästhetik dienen, noch als etwas Elitäres, Seltenes – kaum jemand kennt jemanden, der sich bereits für eine Schönheitsoperationen entschieden hat und dies auch offen zugibt. Ganz anders in Südkorea – Schönheitsoperationen gehören hier zum Alltag und sind nichts Außergewöhnliches. Im Freundeskreis sind die Schönheitsoperationen kein Geheimnis und kleinere Eingriffe werden sogar in der Mittagspause durchgeführt.

Und es beginnt bereits bei den Jüngsten: Viele Schulabsolventen in Korea erhalten von ihren Eltern zum Schulabschluss eine Schönheitsoperation als Geschenk. Dies ruft mitunter verrückte Ideen hervor – so bieten einige der Schönheitskliniken in Südkorea mittlerweile Rabatte für Schulabgänger an.

Ursachen für den Schönheitswahn in Südkorea

Die  Sookmyung Women’s University und die Sungshin Women’s University befragten im Rahmen einer gemeinsamen Studie 402 Frauen im Alter von 20-29, die im Zeitraum September – Oktober 2014 eine Schönheitsoperation durchgeführt hatten (Link zum Artikel in der Korea Times). Dabei gaben 59% der Befragten an, die Operationen durchgeführt zu haben, weil sie mit ihrem Äußeren nicht zufrieden waren – 20% erklärten, dem natürlichen Alterungsprozess vorbeugen zu wollen.

Werbeanzeige für eine Schönheitsoperation in Südkorea "Perfektionierte Details"
Werbung für eine Schönheitoperation mit dem Slogan „perfektionierte Details“

Können allein diese Gründe erklären, warum Schönheitsoperationen in Südkorea so weit verbreitet sind? Die hohe Bedeutung des Aussehens in Korea hat verschiedene Gründe. Sicherlich sind dafür kulturelle Gründe zu nennen. Südkorea ist eine kollektivistische Gesellschaft. Was bedeutet dies konkret? Am besten lässt sich Kollektivismus so beschreiben: „Der Nagel, der hervorsticht, muss eingehämmert werden“. Wer sich in Korea also vom Kollektiv abhebt, wird häufig kritisch beäugt oder sogar dafür kritisiert.

Kollektivismus kann auch bedeuten, dass es für viele Fragen eine gesellschaftlich betrachtet optimale Antwort gibt, z.B. für die Frage nach den erfolgreichsten Berufen? Oder womit sich Schüler und Studenten die meiste Zeit beschäftigen sollten, natürlich mit dem Lernen. Diese Denkweise gilt auch für das koreanische Schönheitsideal. Welches Gesicht oder Aussehen ist am schönsten?

Wenn es ein Ideal gibt, fühlen viele Koreaner sich dazu gezwungen, dieses Ideal anzustreben. Eine glatte, helle Haut, ein Gesicht in V-Form, eine hohe Nase, rote Lippen sowie eine klare Augenlidfalte stehen für viele Koreaner für Schönheit. Aufgrund des vorherrschenden Schönheitsideals berichten viele Menschen in Südkorea von einem gewissen Druck, diesen Idealen zu entsprechen. Oft wird der Druck durch Kommentare von Freunden oder der Familie zusätzlich erhöht.

Der Kollektivismus zeigt sich z.B. auch in der Mode – viele Modetrends schwappen schnell über das ganze Land. Im Jahr 2017 waren beispielsweise die knöchellangen, schwarzen Daunenjacken der Trend des Winters – die Jacken wurden massenweise verkauft und prägten das Straßenbild von Seoul. Wer keine lange Daunenjacke hatte, konnte sich unter Umständen ausgegrenzt fühlen.

Ich persönlich habe auch einer der langen schwarzen Daunenjacken gekauft und getragen, als ich im  Winter 2017 Korea besuchte. Als Koreanerin, die aber bereits seit mehr als drei Jahren in Deutschland lebt, war mir vor der Ankunft natürlich nicht bewusst, was gerade den Modetrend in Südkorea bestimmt. Aber bereits nach einer Woche merkte ich, dass diese Daunenjacken momentan sehr beliebt zu sein schienen. Dennoch fühlte ich eigentlich keinen Zwang, auch eine der schwarzen Daunenjacken kaufen zu müssen. Schlussendlich war es meine Mutter, die mir empfohlen hat, auch eine der trendigen Daunenjacken zu kaufen. Wenn ich keine Daunenjacke tragen würde, würde ich laut ihrer Meinung etwas verarmt aussehen. Wenn ich nicht arm wäre, hätte ich schon längst eine Daunenjacke.

In Korea herrscheint ein weitaus einheitlicheres Schönheitsideal als in der westlichen Welt. Einige Koreaner denken daher auch, dass gutes Aussehen mit Erfolg im Beruf einer hergeht. Bewerbungsfotos haben daher eine höhere Bedeutung als in Deutschland oder Österreich. Einige koreanische Firmen sollen Bewerbungen sogar nach Bewerbungsfotos filtern. Mitunter wird das Äußere sogar in den Bewerbungsgesprächen thematisiert – „Sie können den Job haben – aber bitte tragen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag ein Make-Up auf, das Ihre Pickel verdeckt“. Natürlich sind Sätze wie diese auch für Koreaner verletzend, werden aufgrund des hohen Drucks, einen Job zu finden, aber häufig kommentarlos hingenommen.

Viele junge Koreaner stehen aus verschiedenen Gründen unter Druck, zu heiraten. Die Ehe hat in Korea noch eine weitaus höhere Bedeutung als beispielsweise in Deutschland. Eine Studie
einer koreanischen Heiratsvermittlung zeigt, wie koreanische Männer die Kriterien bei der Wahl der Partnerin gewichten: Das Aussehen der Frau gilt als die wichtigste Eigenschaft, danach folgen die Persönlichkeit, der Job/das Einkommen sowie der familiäre Hintergrund. Um dem koreanischen Schönheitsideal zu entsprechen und somit die Chancen auf dem Heiratsmarkt zu erhöhen, entscheiden sich viele Koreanerinnen für eine Schönheitsoperation.

Werbeanzeige für eine Schönheits-OP in Korea
Bereits im Eingangsbereich der U-Bahnstationen in Seoul wird mit dem koreanischen Schönheitsideal für Schönheits-OPs geworben

Nicht zuletzt ist es aufgrund der medialen Verbreitung schwer, sich dem Thema zu entziehen. In vielen U-Bahnhöfen in Seoul finden sich großflächige Werbebanner von Schönheitskliniken. Aber auch im Fernsehen und im Internet wird man regelmäßig mit dem koreanischen Schönheitswahn konfrontiert: Die beliebten koreanischen K-Pop-Idols leben die Schönheitsideale vor und immer mehr von ihnen bekennen sich auch öffentlich dazu, chirurgisch nachgeholfen zu haben. In Fernsehsendungen werden Personen bei ihren Schönheitsoperationen begleitet und die Veränderungen in Form von verblüffenden Vorher-Nachher-Vergleichen dokumentiert.

Welche Schönheitsoperationen in Korea durch durchgeführt werden

Zu den häufigsten Eingriffen gehören Korrekturen an den Augen – eine Vergrößerung der Augen sowie das Schaffen einer Augenlidfalte. Laut der Befragung der Sookmyung Women’s University und der Sungshin Women’s University gaben die interviewten Frauen an, folgende Schönheitsoperationen an sich haben vornehmen zu lassen:

  • Augenlidfalte (68%)
  • Nasenkorrekturen (50%)
  • Formung des Gesichts zu einer V-Form (35%)
  • Wangenknochenreduktion (30%)
  • Maßnahmen zur Vergrößerung der Augen (14%)
Werbung für eine Plastic Surgery in Seoul
Werbung für V-Linien-Operation mit dem Slogan „Lösung für eine V-Linie? Knochenreduktionsoperation“

Ziel der Eingriffe ist es, dem vorherrschenden Schönheitsideal möglichst nahe zu kommen, und das Ergebnis möglichst natürlich aussehen zu lassen. Die Schönheitsoperation zur Schaffung einer Augenlidfalte ist mittlerweile so normal, dass sie häufig gar nicht mehr erwähnt wird.

Wirtschaftliche Bedeutung der koreanischen Schönheitsindustrie

Das Streben nach Schönheit mithilfe von Operationen hat eine ganze Industrie hervorgebracht. Mittlerweile werden mit den Schönheitsoperationen in Südkorea knapp 5 Mrd. US-Dollar pro Jahr umgesetzt. Dafür ist auch der Schönheitstourismus mit verantwortlich: Laut dem koreanischen Gesundheitsministerium besuchten im Jahr 2016 knapp 100,000 Touristen Korea, um sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen und gaben dafür geschätzt 235 Mio. US-Dollar aus. Der Großteil der Schönheitstouristen kommt aus China mit einem Anteil von 57,7%, gefolgt von Japan mit 5.7%. Auch koreanische Kosmetikprodukt genießen im Ausland einen sehr guten Ruf: Im Jahr 2016 exportierten die südkoreanischen Kosmetikhersteller Waren im Wert von ungefähr 2.6 Mrd. USD ins Ausland – im Jahr 2012 waren es mit knapp 1.02 Mrd. USD noch nicht einmal halb so viel (Quelle: Korea.net)

Werbeanzeige für Schönheitsoperation in der Seoul Subway
Auch in den U-Bahnwaggons der Seoul Subway sieht man die Werbeanzeigen für Schönheitsoperationen

Mit einem Rückgang der Schönheitsoperationen in Südkorea ist vorerst nicht zu rechnen – laut dem Portal iSeoul plant etwa jeder zweite koreanische Teenager, sich in Zukunft einer Schönheits-OP zu unterziehen.

Negative Folgen der Schönheitsoperationen und Gegenmaßnahmen

Der koreanische Schönheitswahn bringt verschiedene negative Begleiterscheinungen für den Einzelnen und für die Gesellschaft mit sich. Durch die Zunahme der Schönheitsoperationen kann bei einigen Leuten der Druck entstehen, sich ebenfalls einer Operation zu unterziehen, um dem Schönheitsideal zu entsprechen.

Es besteht außerdem die Gefahr, dass die Leute ihre natürlichen Körpermerkmale nicht mehr akzeptieren und unter einem geringeren Selbstbewusstsein leiden. Wie beschrieben ist die Schaffung der Augenlidfalte (monolid) die häufigste Schönheitsoperation in Südkorea – und das, obwohl eigentlich nur jede fünfte Koreanerin von Natur aus eine ausgeprägte Augenlidfalte besitzt. Durch das Streben nach Schönheit kann bei einigen Leuten also ein immenser Druck entstehe, auch eine Schönheits-OP an sich durchführen zu lassen.

Neben den seelischen Folgen darf trotz der Routine der Schönheitsoperationen auch nicht das Risiko für die körperliche Gesundheit vergessen werden. In der Studie der Sookmyung Women’s University und der Sungshin Women’s University gaben 30% der Befragten Koreanerinnen an, in Folge der Operation unter Nebenwirkungen gelitten zu haben, wie z.B. Schwellungen, Hauptpigmentierungen oder Ungleichmäßigkeiten im Gesicht.

Die negativen Folgen der Schönheitsoperationen sind natürlich auch in Südkorea bekannt, weshalb nach und nach politischen Maßnahmen getroffen werden, um den Trend gegenzulenken. So ist es bereits seit langen Verboten, in der Schule Make-Up oder Schmuck zu tragen – diese Regel gilt sogar in der Oberstufe. Außerdem wurde im Jahr 2017 beschlossen, dass bis zum Jahr 2022 sämtliche Werbeplakate für Schönheitsoperationen aus den U-Bahnhöfen in Seoul verschwinden sollen. Dies sind natürlich nur kleine Maßnahmen. Um dem Schönheitswahn in Korea in den Griff zu bekommen, müsste wohl ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden.

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