Coronavirus in Südkorea – Interview mit einer Koreanerin

Seoul bei Nacht

Seit Anfang 2020 hat die Coronavirus-Pandemie bzw. die Krankheit Covid-19 die Welt im Griff. Während andere Länder wie Deutschland oder die USA große Schwierigkeiten haben, die Ausbreitung der Infektionen unter Kontrolle zu bekommen, sind asiatische Länder wie Südkorea sehr erfolgreich bei der Eindämmung des Coronavirus. Was macht Südkorea bei der Bekämpfung des Coronavirus besser als andere Länder? Und wie sieht der Alltag der Südkoreaner in Städten wie Seoul zu Corona-Zeiten aus? Sind Karaokebars und Restaurants geschlossen? Die Co-Autorin S. von diesem Blog gibt in einem Interview die wichtigsten Antworten und versucht die Unterschiede zwischen Südkorea und Deutschland bei der Pandemiebekämpfung darzustellen.

Südkorea hat sehr wenige Corona-Fälle im Vergleich zum Rest der Welt. Wie sieht der Alltag der Koreaner im Moment aus? Ist alles wieder geöffnet? Im Internet gibt es z.B. Videos von Halloween-Partys in Diskotheken. Kann man sagen, das in Südkorea die Normalität zurück ist?

Ja, im Vergleich zu Europa und den USA, befindet sich Korea in einer relativ guten Lage. Momentan liegt die Zahl der täglichen Neuinfektionen bei etwa 100 . Obwohl die meisten Einrichtungen, wie Restaurants und Karaoke, wieder offen sind, passen die Leute sehr auf. In Korea, sieht man kaum Personen, die ohne Mund-Nasen-Schutz unterwegs sind. Ohne Maske wird man auf der Straße komisch angesehen.

Jetzt trauen sich die Leute, etwas im Freien zu unternehmen. Gleichzeitig werden strenge Hygiene-Regeln eingehalten. Als die Corona-Infektionszahlen in Südkorea hoch waren, galten auch dort strenge Regeln. Geschäfte, wie Restaurants, Internet-Cafés und Karaokebars durften in Korea zum Zwecke der Eindämmung des Virus für etwa einen Monat nicht öffnen. Das war eine sehr schmerzliche Zeit und daher möchte die Leute diese Situation in Zukunft vermeiden.

In der Tat gab es an Halloween Leute, die gefeiert haben. Gleichzeitig haben viele junge Leute aus Sorge vor einer Infektion aber darauf verzichtet. Im Ausgehviertel Itaewon hatten aus Sorge vor einem Coronavirus-Ausbruch an Halloween viele Bars und Clubs vorsorglich geschlossen. Wäre es zu Neuinfektionen gekommen, hätten die Einrichtungen vollständig geschlossen werden müssen.

Gab es in Korea aufgrund der Covid19-Pandemie einen Lockdown wie in Europa? Waren beispielsweise Geschäfte, Restaurants oder Karaokebars jemals vollständig geschlossen?

Bestimmte Einrichtungen, wie Restaurant, Karaokebars oder Internetcafés, in denen viele Menschen zusammenkommen, durften einige Wochen nicht öffnen.

Warum denkst du, hat Korea die Corona-Pandemie viel besser unter Kontrolle als Deutschland und andere westlichen Staaten? Ist es beispielsweise auf die Disziplin der Bevölkerung zurückzuführen oder auf die technischen Möglichkeiten (App)?

Mit dieser Frage habe ich mich selbst beschäftigt, da die Reaktion der Menschen auf die Coronavirus-Pandemie sehr unterschiedlich war/ist, obwohl sie sich in einer ähnlichen Lage befinden.

Der erste große Unterschied war, wie effizient und schnell die koreanische Regierung gehandelt hat. Ich finde, Korea hat den Vorteil, dass politische Entscheidungen zentral getroffen werden, wohingegen es in Deutschland aufgrund des politischen Föderalismus lange dauert, Maßnahmen umzusetzen, die einheitlich im ganzen Land gelten.

Der zweite große Unterschied war das Tragen von Masken. Für mich als Südkoreanerin, die in Deutschland lebt, war es erstaunlich zu sehen, dass es in Deutschland viele Menschen gibt, die gegen das Tragen von Masken Widerstand leisten. Mein Eindruck ist, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Deutschland sehr ungewöhnlich ist und es daher von der Bevölkerung teilweise nicht akzeptiert wurde.

Für Koreaner hingegen ist das Tragen eines Mundschutzes nicht Besonderes. Viele Koreaner sind das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gewohnt, da sie die Masken aufgrund der Luftverschmutzung tragen. Wenn die Luft wirklich schlecht ist, wird der Bevölkerung z.B. im Rahmen des Wetterberichts dazu geraten, eine Maske zu tragen.  Daher war es selbstverständlich für Koreaner eine Maske zu tragen, wenn aufgrund eines Virus in der Luft ein Infektionsrisiko besteht. Auch wenn jemand erkältet ist, ist es in Südkorea nichts Ungewöhnliches, eine Maske zu tragen. Durch das Tragen des Mundschutzes sollen andere Personen vor einer Infektion geschützt werden.

Die Probleme, die viele Menschen in Deutschland mit dem Tragen eines Mundschutzes haben, ist für mich ein bisschen schwierig zu verstehen, da ich aus einer Kultur stamme, in welchem das Tragen einer Maske normal ist. Ich bemerke, dass hier in Deutschland das Tragen einer Maske vielen Leuten sehr unangenehm ist.

Der dritte Unterschied ist die Sensibilität bei der Weitergabe von Daten bzw. der Umgang mit dem Datenschutz. Für die Nachverfolgung von Infektionen ist es nötig, persönliche Daten zur Verfügung zu stellen, z.B. dem Gesundheitsamt. Hier in Deutschland führt das zu einer langen Diskussion. Mein Eindruck ist, dass in Deutschland der Datenschutz am Ende wichtiger ist als der Schutz der Bevölkerung vor dem Virus. Die Corona-Warn-App in Deutschland umfasst nur die Daten von Personen, welche die App freiwillig nutzen. Der Nutzen der App ist daher sehr beschränkt.

In Südkorea hat die Tracking-App wesentlich mehr Daten bzw. Informationen zur Verfügung. Wenn beispielsweise jemand aus dem Ausland nach Südkorea einreist, muss dieser die Tracking-App installieren, so dass das Gesundheitsamt die Daten dieser Personen (z.B. Aufenthaltsort) jederzeit überprüfen kann. In Korea gibt es wenige Diskussionen über die App bzw. die Daten, welche sie von den Menschen nutzt, da die Mehrheit der Bevölkerung der Meinung ist, dass der Schutz der Gesundheit der Allgemeinheit den persönlichen Datenschutz überwiegt. Die Einschränkungen sind daher aus Sicht der Bevölkerung gerechtfertigt.

Hier zeigt sich auch, dass Korea eine kollektivistische Gesellschaft ist, bei welcher die Leute ihre persönlichen Bedürfnisse hinter die der Allgemeinheit zurückstellen. Diese Werte dominieren die koreanische Gesellschaft und wenn die Mehrheit der Meinung ist, dass die Einschränkung des persönlichen Datenschutzes aufgrund der Coronakrise sinnvoll und richtig ist, gibt es wenige Diskussionen über das Thema. Diese kulturelle Tendenz zeigt sich besonders in Krisen, das ist wahrscheinlich das Besondere in Südkorea.

In Europa wurde im Sommer wieder sehr viel gereist (Sommer-Tourismus). In Korea hingegen gibt es sehr strenge Quarantäne-Regeln für Personen, die ins Land kommen. Kannst du bitte kurz erklären, welche Quarantäne-Regeln in Korea gelten, für Leute, die in das Land einreise?

Das kann ich detailliert sagen, da ich einen koreanischen Bekannten habe, der vor Kurzem nach Korea gereist ist. Am Flughafen wird man direkt an einen Ort gebracht, an welchem man getestet wird. Auf dem Weg zum Test darf man nur bestimmte Verkehrsmittel nutzen, die extra für solche Leute zur Verfügung gestellt werden. Einreisende dürfen keine normalen öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Das ist ein Unterschied zu Deutschland. In Deutschland darf man nach einem Urlaub vom Flughafen aus ungehindert in die eigene Wohnung fahren.

Nach dem Corona-Test ist die Installation der südkoreanischen Tracking-App verpflichtend. Dabei muss die Personen mit Beamten in Kontakt treten, welche einen in den kommenden 14 Tagen regelmäßig kontaktieren. Während dieser zwei Wochen muss man immer erreichbar sein, da die Beamten die Person kontaktieren, um sicherstellen, dass diese wirklich stets zuhause ist.

D.h. die eingereiste Person muss in jedem Fall 14 Tage zuhause bleiben, auch wenn das Testergebnis vorzeitig verfügbar ist und negativ sein sollte. Der Hintergrund ist, dass es in der Vergangenheit schon Fälle gab, in welchem zunächst negativ getestete Personen zu einem späteren Zeitpunkt positiv getestet wurden. Wer während der Quarantäne nach draußen geht, für den besteht die Gefahr, bestraft zu werden. Im Anschluss an die Quarantäne darf man das Haus verlassen.

Wie hat die südkoreanische Regierung bisher die Bevölkerung und die Unternehmen unterstützt, die finanziell unter der Pandemie gelitten haben? Gab es finanzielle Hilfen?

Ja, es gab finanzielle Unterstützung von der Regierung. Im Mai hatte die Regierung angekündigt, alle Koreaner mit ca. 300 Euro zu unterstützen. Außerdem gab es zusätzliche Hilfen für Selbständige. Die Höhe lag bei umgerechnet ca. 1.000 Euro. Außerdem gibt es verschiedene Programme, die es ermöglichen, sich kurzfristig Geld zu leihen.

Die Unterstützung war als Soforthilfe angedacht, aber auch als ein Maßnahme um den Konsum und somit auch die Wirtschaft zu fördern.

Wie reagieren deine Familie und Freunde aus Korea auf die sehr hohen Corona-Infektionszahlen in Deutschland?

Die koreanischen Medien schildern die Situation in Europa und in den USA als sehr dramatisch, da die Zahlen viel höher sind als in Südkorea.

Meine Bekannten in Korea machen sich natürlich Sorgen um mich und geben mir typische Ratschläge, z.B. immer auf Straße eine Maske zu tragen, nicht in Menschenmenge zu gehen usw. Aber ich beruhige sie immer. Wenn ich die Hygiene-Regeln einhalte, fühle ich mich sicher.

Was denkst du, können Deutschland und andere Länder von Südkorea hinsichtlich der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie lernen? Welche Änderungen würdest du dir in Deutschland wünschen?

Ich finde, die Kultur und die Werte der beiden Länder sind sehr verschieden. Daher weiß ich nicht, ob es möglich ist. Vieles hat mit hintergründigen Werten der Gesellschaft zu tun. Ich hoffe nur, dass die Leute bei der nächsten Pandemie schneller und williger eine Maske tragen.

Wir hoffen, dass dir dieser Beitrag einen Einblick über das Leben zu Corona-Zeiten in Südkorea geben konnte und deutlich wurde, mit welchen Mitteln Korea das Coronavirus erfolgreich unter Kontrolle hat und besser durch die Krise kommt als andere Länder.

Mehr interessante Beiträge über Korea findest du auf unserem Blog über Korea Chingufreunde :).

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