Zwei so unterschiedliche Kulturen…aus koreanischer Sicht

Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich ein Jahr in Korea gearbeitet. Mittlerweile arbeite ich seit zwei Jahren in Deutschland bei einer deutschen Firma. Bereits am Anfang haben meine Kollegen erkannt, dass die koreanische Arbeitskultur eine andere ist als die deutsche. Mittlerweile fühle ich mich aber gut in der deutschen Arbeitswelt aufgehoben. In diesem Beitrag möchte ich aus der Sicht einer Koreanerin in Deutschland beschreiben, wie sich die deutsche und die koreanische Arbeitskultur unterscheiden.

Hierachie

Wie viele von euch wissen, sind in Asien Kulturen in der Regel hierarchischer ausgeprägt als in westlichen Ländern – dies gilt auch für das Berufsleben. Dies bedeutet u.a., dass bei offenen Fragen normalerweise nur wenig Raum für Diskussionen mit der Führungskraft  sowie das Finden von gemeinsamer Lösung besteht. Für gewöhnlich wird den Entscheidungen der Führungskraft ohne Diskussion gefolgt.  Es fühlt sich für Koreaner einfach sehr schwierig an, gegen den Chef zu argumentieren. Wenn man es negativ betrachten möchte, sind Diskussionen zwecklos, da die Ergebnisse bereits im Vorhinein feststehen. Natürlich gibt es auch in Korea andere Fälle, ich spreche nur aus meiner eigenen Erfahrung.

In Deutschland ist es aus meiner Sicht anders: Hier erwartet mein Chef, dass ich meine ehrliche Meinung äußere und mir meine eigenen Gedanken zu Fragestellungen mache. Die Diskussionen sind lösungsorientiert und dem Chef zu widersprechen ist keine große Sache.

Als ich in Deutschland zum Arbeiten begonnen hatte, war dies für mich ungewohnt. Ich habe zu allem „ja“ gesagt, ohne mir groß Gedanken zu machen. Vielleicht tat ich dies, da ich davon ausgegangen bin, dass die Führungskräfte auch in Deutschland erwarten, dass die Mitarbeiter  Vorschläge der Führungskräfte akzeptieren und diesen kommentarlos folgen.

Meine Erkenntnisse

Mit der Zeit wurde meine Reaktion (zu allem „ja“ zu sagen“) von meinem Chef in Frage gestellt. Mein Chef begann, mich immer mehrmals zu fragen, ob ich mit Entscheidungen wirklich zu 100% einverstanden bin. Damit wurde mir mit der Zeit klar, dass es in Deutschland geschätzt wird, die eigene Meinung zu sagen und Gedanken zu teilen. In Deutschland ist es also anders als in Südkorea: Wenn man alles ohne Kommentar oder Widersprache akzeptiert, wird in Frage gestellt, ob man sich wirklich Gedanken macht.

Am Anfang habe ich etwas Mut gebraucht, um meinem Chef zu widersprechen. Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, mit meinem Chef zu diskutieren, um gemeinsam Lösungen zu finden. Außerdem habe ich gemerkt, dass mein Chef gemeinsame Diskussionen sehr schätzt und das motiviert mich umso mehr, die gemeinsame Lösung zu finden. Zudem finde ich es auch toll, dass meine Führungskräfte hier während Diskussionen Fehler erkennen und gemeinsam produktiv diskutieren. Ich bin meinem Chef und der deutschen Kultur sehr  dankbar für diese Veränderung.

Individualismus vs. Kollektivismus am Beispiel der Mittagspause in Südkorea

In Korea ist es üblich, in der Mittagspause, mit allen Kollegen zusammen essen zu gehen. Das ist ein Teil der hierarchischen Kultur, nicht der Führungskraft zu widersprechen. Denn in Südkorea ist es normalerweise der Chef, der mit allen essen gehen möchte. Es ist einfach der kollektivistischen Kultur geschuldet, beispielsweise die Mittagspause gemeinsam zu verbringen. Viele Koreaner würden die Mittagspause auch lieber alleine oder nur mit sehr engen Kollegen verbringen, aber es ist schwierig, diesen Wunsch durchzubringen und „nein“ auf eine Einladung zu sagen.

Bei meinem Job in Deutschland ist es ganz anders: Hier ist genau das Gegenteil der Fall. Für gewöhnlich bin ich es, die den anderen Kollegen vorschlägt, zusammen essen zu gehen. Es kommt nur sehr selten vor, dass deutschen Kollegen vorschlagen, die Pause gemeinsam zu verbringen.  Ich bin normalerweise diejenige in der Firma, die jemand anderen vorschlägt, zusammen essen zu gehen (oder liegt es einfach nur an mir?^^). Es gibt keinen Druck, mit den Kollegen etwas zusammen zu unternehmen. In Deutschland ist es flexibler und jeder macht Pause, wann er möchte. Das finde ich als Koreanerin sehr cool, andere nicht fragen zu müsssen, wann man was machen möchte.

Natürlich kommt es auch in Deutschland gelegentlich vor, nach dem Feierabend gemeinsam ein Glas Bier trinken zu gehen. Aber solche Termine sind viel seltener als in Korea und in Deutschland trennt man das Privat- und das Arbeitsleben viel stärker. Dies ist aus meiner Sicht einerseits positiv, andererseits muss ich sagen, dass ich es manchmal vermisse, mit Kollegen nach der Arbeit etwas Trinken zu gehen oder engere Freundschaften aufzubauen.

Die Wahrnehmung meines (leicht asiatischen) Charakters durch deutsche Kollegen

Da die südkoreanische und die deutsche Kultur so unterschiedlich sind und ich mit deutschen Kollegen zusammen arbeite, wird anderer kultureller Hintergrund automatisch bemerkt. Und für mich ist es sehr interessant, dieses Feedback zu bekommen, da ich so erahnen kann, wie mein Charakter in einer anderen Welt (nämlich in Deutschland) wahrgenommen wird.

Dinge, die ich oft höre:

  • Kooperativ
  • Widerspricht selten dem Chef
  • Arbeitet hart

Also typische Clichés, die Asiatinnen zugeschrieben werden.  Aber es kann wirklich sein, dass diese Merkmale bei mir stärker ausgeprägt sind, als bei meinen deutschen Kollegen. Für meine Kollegen ist es unmöglich, mich von anderen koreanischen Kollegen zu unterscheiden, da ich die einzige Koreanerin in der Firma bin.

Obwohl ich Teile der koreanischen Arbeitskultur vermisse, bin ich mit meiner Arbeit in Deutschland sehr zufrieden. Ich habe die deutsche Arbeitskultur nun kennengelernt und empfinde diese mittlerweile als sehr effizient und produktiv. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sich durch diese neuen kulturellen Einflüsse eine andere Seite von mir weiterentwickeln kann, nämlich: Eine logisch-, lösungsorientierte Denkweise, die von dienstlichen Hierarchien weitestgehend losgelöst ist.

Hat euch dieser Beitrag gefallen, dann empfehlen wir euch unser Interview zum Thema „Arbeiten in Korea“ auf unserem Korea Blog Chingufreunde! 🙂

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