Was denken Koreaner über Deutschland? Interview

Hongdae - Ausgehviertel in Seoul

Die Co-Autorin S. von Chingufreunde lebt nun seit mehr als 5 Jahren als Südkoreanerin in Deutschland – in diesem Interview zieht sie ein Fazit und gibt Einblick in in ihre Erfahrungen während dem Studium, in der Arbeit und im Privatem.

Du bist vor 5 Jahren von Korea nach Deutschland gekommen. Könntest du dich noch einmal kurz vorstellen?

Aufgrund meines Masterstudiums bin ich vor 5 Jahren von Südkorea nach Deutschland gezogen. Seit Mitte vergangenen Jahres arbeite ich in einer mittelgroßen Forschungsfirma in Baden Württemberg.

Als Südkoreanerin hast du eine Vielzahl an Optionen, wohin du ins Ausland gehen kannst. Warum hast du dich ausgerechnet für Deutschland entschieden?

Mein Ziel war es, Politik und Wirtschaft zu studieren. Deutschland sah ich dafür als ideales Land. Aus meiner Sicht ist Deutschland ein wirtschaftliches sehr starkes Land und hat ein stabiles Sozialsystem. Durch ein Studium in Deutschland wollte ich mehr über die Philosophie dahinter und das System an sich herausfinden.

Zu deinem Studium als Koreanerin in Deutschland – was waren rückblickend die größten Herausforderungen während deiner Studienzeit?

Es gibt verschiedene Punkte. Zunächst zum Vorlesungsstil: Die Art und Weise, wie Vorlesungen in Deutschland stattfinden, war eine der größten Hürden für mich. Schon bevor ich nach Deutschland kam, wurde mir erzählt, dass es bei den Vorlesungen sehr wichtig ist, sich aktiv einzubringen, sowie eigene Ideen und Meinungen zu äußern. Diskussionen sind wesentlicher Bestandteil von Vorlesungen. Dies war auch einer der Gründe, weshalb ich mich für das Studium in Deutschland entschieden hatte, da ich mir erhoffte, neue Seiten an mir kennenzulernen und ich lernen wollte, eigene Ideen in Diskussionen einzubringen.

Dennoch, die Seminare waren eine sehr „exotische“ Erfahrung für mich. Ich sah mich selbst als keine gute Studentin in Seminaren, in welchen aktiv eigene Argumente eingebracht werden mussten. Währen die hiesigen Studenten reihenweise die Hände hoben, musste ich zunächst über meine eigene Meinung zu bestimmten Themen oder Fragen nachdenken. Für mich war es wirklich beeindrucken zu sehen, wie die heimischen Studenten, ohne zu Zögern, ihre Gedanken äußersten.

Für mich war dies schwierig. Vielleicht, da es in der koreanischen Kultur üblich ist, zunächst tief über ein Thema nachzudenken, bevor ein Argument ausgeführt wird. Das Problem daran: Als ich endlich über meine Meinung nachgedacht hatte und diese äußern wollte, war die Diskussion häufig schon zu einem anderen Thema weitergegangen. Mit der Zeit gewöhnte ich mich jedoch besser an den Seminarstil in Deutschland. Für mich machten einige Mal auch die Argumente der anderen nicht durch und durch Sinn bzw. sie wirkten manchmal wenig durchdacht. Ich hingegen hinterfragte meine Haltung und Meinung immer selbst und fragte mich, ob ich sie wirklich äußern soll.

Hier eine Anekdote, die die Unterschiede zwischen den lokalen Studenten und mir verdeutlichen soll: Einmal hatte ich ein Gespräch mit meinen deutschen Kommilitonen und erzählte ihnen, dass ich in den Seminaren fürchte, etwas „Dummes“ zu sagen. Darauf entgegnete mir einer der Mitstudenten, dass das was jemand sage, nie von anderen als „Dumm“ bezeichnet werden darf, da es sich um die persönlichen Gedanken des anderen handle. Dieses Gespräch hat mir sehr geholfen.

Ein Masterstudium im Ausland kostet viel Geld. Wenn es okay für dich ist, könntest du ausführen, wie du deinen Lebensunterhalt als koreanische Studentin in Deutschland bestreiten konntest? Hattest du Tricks, die die halfen, Geld zu sparen? Musstest du deinen Lebensstandard im Vergleich zu deinem Leben in Korea reduzieren?

Natürlich . Da ich von meinen Eltern keine finanzielle Unterstützung erhielt, suchte ich nach dem ersten Semester einen Studentenjob. Glücklicherweise fand ich einen sehr guten Job, der es mir sogar erlaubte, von zuhause aus zu arbeiten! Der Großteil meiner Arbeit bestand darin, Informationen, die nur auf Koreanisch oder Japanisch verfügbar waren, aus dem Internet zu recherchieren und meiner Firma als Informationsquelle bereitzustellen

Der Werkstudentenjob half mir, meine Lebenshaltungskosten vollständig zu decken. Ich lebte in einem sehr kleinen Zimmer im Dachgeschoss, welches nur wenig Miete kostete. Zudem waren die Lebensmittel in meiner Stadt nicht teuer.

Eine Sache, auf die ich verzichten musste, waren kulturelle Aktivitäten wie das Besuchen eines Konzerts. Natürlich habe ich auch weniger in Restaurants gegessen als in Korea, was aber kein Problem war, da deutsche Studenten im Vergleich zu koreanischen Studenten viel seltener außerhalb essen gehen.

Etwas anderes, das ich vielleicht vermisste, war das Kennenlernen und Herumhängen mit neuen Leuten. Ich steckte nicht viel Energie in neue Leute, da ich so sehr mit meinem Studium beschäftigt war und die restliche Zeit mit der Arbeit verbringen musste. Daher war meine Situation vermutlich eine ganz andere als die von gewöhnlichen Austauschstudenten. Rückblickend, hätte ich vielleicht mehr Zeit mit Leuten verbringen sollen, andererseits bin ich aber auch stolz darauf, dass ich unabhängig war und mein Studium erfolgreich abschließen konnte.

Es ist interessant, dass du dich dazu entschiedenen hast, nach deinem Studium in Deutschland zu bleiben und hier beruflich Fuß zu fassen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Es ist etwas ganz anderes, in einem Land zu arbeiten, als dort zu studieren. Ich wollte Arbeitserfahrung in Deutschland sammeln, auch wenn ich zunächst daran zweifelte, ob dies möglich sein wird. Außerdem ging ich davon aus, dass die Arbeitskultur in Deutschland entspannter wäre, als die koreanische Arbeitskultur – insbesondere in Bezug auf Überstunden und Hierarchien. Dies waren die beiden größten Schwierigkeiten, als ich in Korea arbeitete. Also wollte ich mit einem Vollzeitjob in Deutschland herausfinden, ob die Arbeitskultur hier besser zu mir passt als das Arbeiten in Korea.

Darüber hinaus gibt es auch persönliche Gründe. In Deutschland habe ich weniger Verpflichtungen und kenne weniger Leute. Daher fühle ich mich freier, da ich mich um niemand anderen kümmern muss, als um mich selbst.

Nach dem Studium stand bei dir die Jobsuche an. Wie schwierig war es, als Nicht-Muttersprachlerin eine Arbeit in Deutschland zu finden? Wie flexibel musstest du z.B. in den Bezug auf das Arbeitsgebiet oder die Art der Tätigkeit sein?

Vor der Jobsuche hatte ich große Sorgen. Ich fragte mich, welche Vorteile ich gegenüber deutschen Bewerbern hatte. Ein Freund half mir, meine Situation besser zu verstehen. „Stell dir vor, ich würde mich als Deutscher in Südkorea um einen Job bewerben. Würdest du mich mit den koreanischen Bewerbern vergleichen oder würde ich in eine andere Kategorie fallen? Ich würde nicht aufgrund meiner Deutschkenntnisse eingestellt werden, sondern aufgrund anderer Faktoren wie z.B. Fremdsprachenkenntnisse, interkulturellem Verständnis etc.“ Was dieser Freund damit sagen wollte war, dass ich mich nicht mit deutschen Bewerbern vergleichen sollte und mich davon herunterziehen lassen sollte, dass mein Deutsch noch nicht perfekt war. Es war wichtiger, dass ich mich auf meine eigenen Stärken fokussierte und diese hervorheben sollte. Dieser Ratschlag hat mir sehr geholfen und ich weiß ihn immer noch zu schätzen. Meine Deutschkenntnisse waren zum Zeitpunkt der Arbeitssuche auf dem Niveau C1 und ich betonte bei den Bewerbungen meine eignen Vorteile. Insgesamt konnte ich so relativ schnell einen Job finden!

Wie war für dich der Berufsstart in Deutschland? Wie schwierig fiel dir die Anpassung?

 Eigentlich war es nicht so schwer für mich. Vielleicht, weil ich zuvor bereits in Korea gearbeitet habe. Mit der deutschen Arbeitskultur bin ich ziemlich zufrieden, z.B. in Bezug auf flache Hierarchien, wenig Benachteiligung von Frauen – und Überstunden fallen auch nur in geringem Maße an. Aber eine Sache habe ich gelernt: In der Arbeitswelt in Deutschland wird erwartet, dass man sich und seine Ideen aktiv einbringt und nicht nur passiv ist. Dies war sehr herausfordernd für mich und ich denke, dass dies das Arbeiten besser macht.

Wir haben nun über deine Erfahrungen im Studium und in der Arbeit in Deutschland gesprochen. Wie erging es dir privat? Bist du im Alltag mit der deutschen Kultur zurechtgekommen? Gab es irgendwelche Schwierigkeiten?

 Im Gegensatz zum Beginn meiner Zeit hier, komme ich nun besser mit der deutschen Kultur zurecht. Mein erster Eindruck von der deutschen Kultur war, dass die Kommunikation sehr kalt und individualistisch ist. Aber mit der Zeit habe ich festgestellt, dass dies in der hiesigen Kultur eine Art ist, subtil Zuneigung und Freundlichkeit auszudrücken. Und wenn jemand nett ist, dann meint er es auch so. In Deutschland wird Freundlichkeit selten gespielt, dies kann in manchen Situationen etwas kalt wirken. Häufig sind die Leute aber sehr freundlich und hilfsbereit.

Du lebst nun seit fünf Jahren in Deutschland und hast währenddessen bereits einige Erfahrungen gesammelt. Wahrscheinlich hast du auch schwierige Zeiten durchgemacht. Was hat dir die Stärke gegeben, niemals aufzugeben? In vielen Situationen wäre es wohl das einfachste gewesen, zurück nach Korea zu gehen.

Ich denke einfach, dass das Leben überall schwierig wäre und ich kam nicht mit der Erwartung nach Deutschland, dass das Leben hier einfach wäre. Natürlich ist das Leben als Ausländer ohne Sprachkenntnisse, ohne Familie und Freunde und ohne kulturelles Verständnis sehr anders und herausfordernd. Die schwierigen Zeiten, die ich hier erlebt habe, habe ich dafür in Kauf genommen, dass ich hier neue Erfahrungen sammeln konnte. Daher habe ich nicht viel gejammert. Ich hätte zurück nach Korea gehen können, aber ich tat es nicht, da ich alles noch für okay hielt. Vielleicht war meine Toleranzschwelle auch einfach nur sehr hoch (LOL).

Was aus deinem Leben in Korea vermisst du in Deutschland am meisten?

Weniger lästige Bürokratie. In der Verwaltung (Amt etc.) geht es schneller, auch in der Bank und in anderen Bereichen. Außerdem natürlich das Essen. Es gibt so viel gutes und verschiedenes Essen in Korea! Ich vermisse natürlich auch meine Familie und Freunde, mit denen ich nach der Arbeit Zeit verbringen kann. Hier in der neuen Stadt bin ich alleine.

Und was gefällt dir als Koreanerin am Leben in Deutschland?

Die fairen Arbeitsbedingungen, weniger gesellschaftlicher Druck (kulturell und persönlich). Die einfache Art zu Leben.

Wenn du auf die vergangenen 5 Jahre zurückblickst – würdest du dich rückblickend wieder dafür entscheiden, nach Deutschland zu kommen? Und was würdest du einer guten koreanischen Freundin raten, wen sie dich frägt, ob sie nach Deutschland zum Arbeiten kommen soll?

Ich würde dieser Freundin raten, dass sie jeden Aspekt bedenken soll. Auf der einen Seite ist Deutschland toll, z.B. die Arbeitskultur und auch das Sozialsystem. Für Koreaner, die Erfahrung in einer ganz andern Welt sammeln möchten, ist Deutschland eine Möglichkeit.

Auf der anderen Seite ist die deutsche Kultur ganz anders als die koreanische, und dies macht manchmal einsam. Auch die Bürokratie führt zu Stress. Außerdem muss man auf das gute koreanische Essen verzichten.

Wenn ich 5 Jahren zurückgehen könnte, ich würde sagen, die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich wieder für Deutschland entscheiden würde, lägen bei 50 zu 50. Diese Erfahrung hat mich in vielerlei Hinsicht verändert und ich habe viel über mich selbst gelernt. Und deshalb weiß ich, dass es nicht wichtig ist, wo man lebt. Es ist wichtiger, dass man weiß, wer man ist und was man möchte, da jede Entscheidung Vor- und Nachteile mit sich bringt.

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